Kategorie: Klimawandel

Amazonien wird zur Kohlenstoffquelle

Die tropischen Regenwälder Amazoniens verlieren ihre Funktion als Kohlenstoffsenke. Dafür verantwortlich ist nicht allein der Klimawandel, sondern der Einfluss des Menschen durch Abholzung, Brandrodung und gezielt gelegte Feuer sowie Landnutzungsänderungen, beispielsweise für Landwirtschaft und Bergbau. Dürren und steigende Temperaturen verstärken diese menschlichen Einflüsse erheblich. Dadurch werden die tropischen Regenwälder anfälliger für Brände und setzten noch mehr Kohlenstoff frei.

Eine im Fachmagazin Nature veröffentlichte Studie von Luciana V. Gatti aus dem Oktober 2026 zeichnet ein beunruhigendes Bild der tropischen Regenwälder Amazoniens (Gatti u. a. 2026). Über die vergangenen fünfzehn Jahre betrachtet ist Amazonien bereits zu einer Kohlenstoffquelle geworden, die mehr Kohlenstoffdioxid (CO2) an die Atmosphäre abgibt, als sie aufnimmt. In ihrem natürlichen Gleichgewicht sind intakte tropische Regenwälder eine Kohlenstoffsenke. Das bedeutet, dass sie insgesamt mehr Kohlenstoff aus der Atmosphäre aufnehmen, als sie abgeben.

Wie wurde untersucht?

Das Besondere an dieser Studie ist, dass atmosphärische Messungen durchgeführt wurden. Während Aussagen über den Kohlenstofffluss tropischer Regenwälder häufig aus Satellitendaten und Erdsystemmodellen stammen, hat das Team um Luciana V. Gatti die Luft über Amazonien direkt vermessen. Die Wissenschaftler untersuchten den Zeitraum von 2010 bis 2024. In diesem Zeitraum wurden 1.017 vertikale Messprofile der Atmosphäre erstellt. Dazu sammelten Kleinflugzeuge an vier Standorten in Amazonien rund zweimal im Monat Luftproben aus einer Höhe von 4,4 Kilometern bis knapp über den Baumkronen. In den Luftproben wurden CO2 und Kohlenmonoxid (CO) gemessen.

In Amazonien gibt es ein vorherrschendes Luftströmungsmuster in den unteren Schichten der Atmosphäre (Troposphäre). Weil die Luftmassen vom Atlantik quer über Amazonien ziehen, lässt sich aus der Veränderung des CO₂-Gehalts sehr direkt ablesen, wie natürliche Prozesse und menschliche Aktivitäten die Zusammensetzung der Atmosphäre beeinflussen. Weiterhin wurden Klimadaten zu Temperatur und Niederschlag, Daten zu Waldverlusten, Brandflächen und menschlicher Landnutzung und Indizes für El Niño und die Erwärmung des tropischen Nordatlantiks ausgewertet.

Illustration: die fliegenden Flüsse des Amazonas
Die fliegenden Flüsse des Amazonas. Feuchtigkeit wird vom Atlantik über das Amazonasbecken nach Westen transportiert. Im Westen wird es von der Andenkette nach Süden abgelenkt, wo es Brasilien, Paraguay, Uruguay und den Norden Argentiniens mit Wasser versorgt (Illustration erstellt mit Hilfe der KI von Google Gemini).
Das Ergebnis

Amazonien gibt durchschnittlich netto rund 1,2 Gt CO2 pro Jahr ab, wobei eine Gigatonne (Gt) eine Milliarde Tonnen sind. Die mit Abstand größte Einzelquelle sind dabei nicht etwa abgeholzte oder abgestorbene Bäume, sondern Brände mit rund 1,5 Gt CO₂ im Jahr. In der Studie werden, wie in der Klimaforschung üblich, die Werte in „Petagramm Kohlenstoff pro Jahr“ (PgC yr-1) angegeben. Ein Petagramm sind 1015 Gramm = 1 Milliarde Tonnen = 1 Gigatonne. Und weil eine Tonne Kohlenstoff 3,67 Tonnen CO2 entspricht, sind die in der Studie genannten 0,32 PgC yr-1 für Amazonien 1,2 Gt CO2 pro Jahr. Der Wert ist positiv, und deswegen ist Amazonien eine Kohlenstoffquelle.

Drei unterschiedliche Jahresgruppen

Weil sich die tropischen Regenwälder nicht jedes Jahr gleich verhalten, haben Luciana V. Gatti und ihre Mitarbeiter die 15 Messjahre anhand der CO2-Emissionen in Amazonien in drei Jahresgruppen eingeteilt:

  • Gruppe 1: In feuchten Jahren mit wenig menschlichem Eingriff war der Wald nahezu ausgeglichen. Amazonien war eine Kohlenstoffsenke, so soll es sein.

  • Gruppe 2: Menschliche Eingriffe als wesentlicher Treiber. Obwohl die klimatischen Bedingungen vergleichsweise moderat waren, stiegen die Emissionen deutlich an. Der Anstieg geht fast ausschließlich auf das Konto direkter menschlicher Aktivität zurück – Abholzung, Brandrodung, Degradierung.

  • Gruppe 3: Diese Gruppe weist die höchsten CO2-Emissionen auf. Klimastress verstärkt menschliche Einflüsse. Die Jahre waren geprägt durch El Niño, die Erwärmung des tropischen Nordatlantiks, Hitze und Niederschlagsdefizite. Fast alle Brände wurden vom Menschen verursacht – die Dürre hat sie nur größer und gefährlicher gemacht.
GruppeJahreCO2-Bilanz (PgC yr-1)CO2-Bilanz (Gt CO2 pro Jahr)
1. Feuchte Jahre2011–2014, 2017–20180,11 ± 0,08≈ 0,4
2. Starke menschliche Eingriffe, wenig Klimastress2019–20220,43 ± 0,13≈ 1,6
3. Heiße und trockene Jahre, viele Brände2010, 2015, 2016, 2023–20240,49 ± 0,07≈ 1,8
gesamt2010-20240,32 ± 0,08≈ 1,2
Das Katastrophenjahr 2024

Besonders dramatisch verlief das Jahr 2024, in dem der El Niño stark und der tropische Nordatlantik ungewöhnlich warm war. Es war das heißeste und trockenste Jahr seit zwei Jahrzehnten und 1,2 °C wärmer und 462 Millimeter niederschlagsärmer als feuchte Jahre. Die Trockenheit hat Brandrodung begünstigt, und so gingen 38 Prozent der Rodungen auf Brände zurück, von denen nur etwa ein Prozent natürlich durch Blitze entstand. Die verbrannte Fläche war die größte seit Messbeginn. Laut Global Forest Watch (GFW) wurden 2024 allein in Brasilien 28.140 km² tropischer Regenwald zerstört, wovon rund zwei Drittel des Verlusts auf Brandrodung zurückzuführen waren. Amazonien gab mit rund 3,0 Gt CO2 (0,81 PgC) so viel Kohlenstoff ab wie in keinem anderen Jahr der 15-jährigen Messreihe. Das ist mehr als das Sechsfache des Werts eines normalen, feuchten Jahres.

Schlussfolgerung

Es ist nicht der Klimawandel, der Amazonien zur Kohlenstoffquelle macht, sondern es sind hauptsächlich menschliche Eingriffe vor Ort, also Brandrodungen und Feuer, die zu fast 100 Prozent vom Menschen verursacht werden. Zwischen 2010 und 2024 wuchs allein die Sojaanbaufläche um 193 Prozent, die Weidefläche um 19 Prozent und der Bergbau gar um 272 Prozent. Gleichzeitig ist es in Amazonien seit 1979 um rund 1,1 Grad wärmer und um acht Prozent trockener geworden, in der Trockenzeit sogar um ein Fünftel. Beides zusammen – Entwaldung und Klimawandel – treibt den Wald näher an seinen Kipppunkt, jenseits dessen aus tropischen Regenwäldern großflächig Savannen werden könnten.

Quelle: Gatti, L. V., Cunha, C. L., Blas, J. C. G. et al. Amazon carbon emissions driven by human actions amplified by droughts. Nature 658, 1188–1193 (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-026-11168-1.

Mehr Info: Regenwälder im Tropenfieber bei Faszination Regenwald.

Buchvorstellung: „Warum braucht der Eisbär den Regenwald?“

Eisbär und Regenwald werden sich nie begegnen. Zwischen klirrender Kälte und tropischer Hitze liegen Tausende Kilometer, eisige Ozeane und Kontinente. Und doch hängt das Überleben des einen direkt vom Schutz des anderen ab. Im Klimasystem der Erde gibt es keine Grenzen. Was in den Tropen passiert, bleibt nicht in den Tropen, was in der Arktis passiert, bleibt nicht in der Arktis. Wenn im Regenwald die Kettensägen dröhnen und gigantische Kohlenstoffspeicher in Flammen aufgehen, schmilzt dem Eisbären das Eis unter den Tatzen weg. Wenn das Eis in der Arktis schmilzt, werden in den Tropen aus faszinierenden Regenwäldern trockene Savannen. Alles hängt mit allem zusammen. Dieses Buch erklärt, warum tropische Regenwälder als Klimaanlage der Erde für das Überleben des Eisbären in der Arktis wichtig sind – und umgekehrt.

Warum braucht der Eisbär den Regenwald?
Tropische Regenwälder im Klimafokus
Dr. Tom Deutschle
Verlag: epubli
ISBN: 978-3-565500-62-8
Erscheinungsdatum: 17.06.2026
Seiten: 157 (Softcover)
Verkaufspreis: 16,99 €

Seit knapp 30 Jahren betreibe ich das Regenwald-Portal www.faszination-regenwald.de. Ich bin Diplom-Biologe und war mehrfach in tropischen Regenwälder in Südamerika und Südost-Asien unterwegs. Mein Ziel mit dem Regenwald-Portal ist es, so breit wie möglich über die faszinierenden Wälder am Äquator zu informieren. Insbesondere Schülerinnen und Schüler nutzen das Portal sehr gern, sei es für Hausaufgaben, Referate oder Facharbeiten.

Im Zusammenhang mit dem Klimawandel werden tropische Regenwälder häufig als „Klimaanlage der Erde“ bezeichnet. Dieser Begriff hat mich dazu inspiriert, das vorliegende Buch zu schreiben. Ich wollte wissen, was es mit dieser Klimaanlage tatsächlich auf sich hat. Dabei wurde mir schnell klar, dass die tropischen Regenwälder nicht isoliert betrachtet werden dürfen; sie sind eingebettet in das Klimasystem der Erde, zusammen mit Atmosphäre, Ozeanen, Meeresströmungen, Eisschilden, tropischem Regengürtel usw. Das Thema ist beliebig kompliziert, ich hoffe trotzdem, Ihnen einen spannenden Einblick geben zu können.

Buchvorschau: „Warum braucht der Eisbär den Regenwald?“

Eisbär und Regenwald, eisige Kälte und tropische Hitze – unterschiedlicher können Lebensräume auf der Erde nicht sein. In der Arktis fordert die klirrende Kälte das Leben bis an die Grenzen des Möglichen. In den tropischen Regenwäldern hingegen tobt die ganze Fülle des Lebens im feuchtwarmen Tropenklima. Beide Extreme sind im Klimasystem der Erde untrennbar miteinander verbunden. Das ewige Eis hängt ab vom Überleben der tropischen Regenwälder – und umgekehrt.

Der Mensch verbrennt Wälder, Kohle, Öl und Erdgas und setzt damit riesige Mengen Kohlenstoffdioxid (CO2) frei, das die Sonnenenergie in Form von Wärme in der Atmosphäre hält. Dieser Treibhauseffekt verursacht den Klimawandel der heutigen Zeit. Arktische Ökosysteme sind besonders stark vom Klimawandel betroffen, weil die Temperatur in der Arktis schneller steigt als sonst irgendwo auf der Erde. Das schrumpfende Arktische Meereis macht den Eisbären zu einem Verlierer des Klimawandels und gleichzeitig zu dessen tragischem Symbol.

Doch was in der Arktis passiert, bleibt nicht in der Arktis. Meeresströmungen sind riesige Umwälzpumpen, die Wasser und Wärme auf dem Globus hin und her schieben und so die Arktis mit dem Äquator verbinden. Dort tummeln sich in den lichtdurchfluteten Baumwipfeln jahrhundertealter Urwaldriesen abertausende verschiedene Arten. Brüllaffen und Orang-Utans mögen so prominent sein wie der Eisbär, der größte Teil der Vielfalt ist allerdings sehr viel unscheinbarer und wird oft übersehen. Doch sie alle eint mit dem Eisbären, dass auch sie Verlierer des Klimawandels sind.

Intakte tropische Regenwälder bewahren diese faszinierende Artenvielfalt. In ihrer natürlichen Funktion sind sie die Klimaanlage der Erde und regulieren globale Wasser- und Kohlenstoffkreisläufe weit über ihre Grenzen hinaus. Sie speichern enorme Mengen Biomasse, bei deren Aufbau sie der Atmosphäre CO2 entziehen. Sie verdunsten sehr viel Wasser, wodurch ihre Umgebung direkt gekühlt wird. Die während der Verdunstung entstehenden Wolken reflektieren das Sonnenlicht, und Windsysteme verteilen die Feuchtigkeit innerhalb der Kontinente und auf dem Globus. All diese Effekte kühlen die Erde und verringern den Treibhauseffekt. Deswegen braucht der Eisbär den Regenwald.

Doch die Zerstörung tropischer Regenwälder hat weitreichende Folgen, die bis in die Arktis reichen. Nicht nur, dass die faszinierende Artenvielfalt unwiederbringlich verschwindet, es ist auch doppelt schlecht für das Klima. Durch Brandrodung werden große Mengen CO2 freigesetzt, die die Atmosphäre aufheizen. Nach der Abholzung fehlen die Wälder, um CO2 aus der Atmosphäre zu fixieren, wodurch es noch wärmer wird. Auch für die Tropen gilt: Was am Äquator passiert, bleibt nicht am Äquator. Luft- und Meeresströmungen transportieren die Wärme vom Äquator in die Arktis, wo der Grönländische Eisschild und das Arktische Meereis schmelzen. Mit dem Rückgang des Meereises verliert der Eisbär seine Jagdgründe, der Meeresspiegel steigt und die Meeresströmungen werden abgeschwächt oder drohen vollständig zu kippen. Diese Abschwächung wiederum verschiebt den tropischen Regengürtel am Äquator nach Süden, weswegen es in Amazonien trockener wird und tropische Regenwälder zu Savannen werden.

Am Ende sind Trockenheit und Hitze der ultimative Stresstest für die Widerstandsfähigkeit der tropischen Regenwälder. Ob sie ihn bestehen, ist ungewiss. Es zeigt aber anschaulich, dass im Klimasystem der Erde alles mit allem zusammenhängt und kein Teil isoliert betrachtet werden darf. Das macht den Klimawandel so kompliziert und schwer greifbar. Um ihn erfolgreich zu bekämpfen, braucht es mehr tropische Regenwälder, nicht weniger – denn sie sind cool fürs Klima!

„Warum braucht der Eisbär den Regenwald? Tropische Regenwälder im Klimafokus“, von Dr. Tom Deutschle – demnächst im Buchhandel.