Eisbär und Regenwald, eisige Kälte und tropische Hitze – unterschiedlicher können Lebensräume auf der Erde nicht sein. In der Arktis fordert die klirrende Kälte das Leben bis an die Grenzen des Möglichen. In den tropischen Regenwäldern hingegen tobt die ganze Fülle des Lebens im feuchtwarmen Tropenklima. Beide Extreme sind im Klimasystem der Erde untrennbar miteinander verbunden. Das Schicksal des ewigen Eises hängt ab vom Überleben der tropischen Regenwälder – und umgekehrt.
Der Mensch verbrennt Wälder, Kohle, Öl und Erdgas und setzt damit riesige Mengen Kohlenstoffdioxid (CO2) frei, das die Sonnenenergie in Form von Wärme in der Atmosphäre hält. Dieser Treibhauseffekt verursacht den Klimawandel der heutigen Zeit. Arktische Ökosysteme sind besonders stark vom Klimawandel betroffen, weil die Temperatur in der Arktis schneller steigt als sonst irgendwo auf der Erde. Das schrumpfende Arktische Meereis macht den Eisbären zu einem Verlierer des Klimawandels und gleichzeitig zu dessen tragischem Symbol.
Doch was in der Arktis passiert, bleibt nicht in der Arktis. Meeresströmungen sind riesige Umwälzpumpen, die Wasser und Wärme auf dem Globus hin und her schieben und so die Arktis mit dem Äquator verbinden. Dort tummeln sich in den lichtdurchfluteten Baumwipfeln jahrhundertealter Urwaldriesen abertausende verschiedene Arten. Brüllaffen und Orang-Utans mögen so prominent sein wie der Eisbär, der größte Teil der Vielfalt ist allerdings sehr viel unscheinbarer und wird oft übersehen. Doch sie alle eint mit dem Eisbären, dass auch sie Verlierer des Klimawandels sind.

Intakte tropische Regenwälder bewahren diese faszinierende Artenvielfalt. In ihrer natürlichen Funktion sind sie die Klimaanlage der Erde und regulieren globale Wasser- und Kohlenstoffkreisläufe weit über ihre Grenzen hinaus. Sie speichern enorme Mengen Biomasse, bei deren Aufbau sie der Atmosphäre CO2 entziehen. Sie verdunsten sehr viel Wasser, wodurch ihre Umgebung direkt gekühlt wird. Die während der Verdunstung entstehenden Wolken reflektieren das Sonnenlicht, und Windsysteme verteilen die Feuchtigkeit innerhalb der Kontinente und auf dem Globus. All diese Effekte kühlen die Erde und verringern den Treibhauseffekt. Deswegen braucht der Eisbär den Regenwald.
Doch die Zerstörung tropischer Regenwälder hat weitreichende Folgen, die bis in die Arktis reichen. Nicht nur, dass die faszinierende Artenvielfalt unwiederbringlich verschwindet, es ist auch doppelt schlecht für das Klima. Durch Brandrodung werden große Mengen CO2 freigesetzt, die die Atmosphäre aufheizen. Nach der Abholzung fehlen die Wälder, um CO2 aus der Atmosphäre zu fixieren, wodurch es noch wärmer wird. Auch für die Tropen gilt: Was am Äquator passiert, bleibt nicht am Äquator. Luft- und Meeresströmungen transportieren die Wärme vom Äquator in die Arktis, wo der Grönländische Eisschild und das Arktische Meereis schmelzen. Mit dem Rückgang des Meereises verliert der Eisbär seine Jagdgründe, der Meeresspiegel steigt und die Meeresströmungen werden abgeschwächt oder drohen vollständig zu kippen. Diese Abschwächung wiederum verschiebt den tropischen Regengürtel am Äquator nach Süden, weswegen es in Amazonien trockener wird und tropische Re-genwälder zu Savannen werden. Am Ende sind Trockenheit und Hitze der ultimative Stresstest für die Widerstandsfähigkeit der tropischen Regenwälder. Ob sie ihn bestehen, ist ungewiss. Es zeigt aber anschaulich, dass im Klimasystem der Erde alles mit allem zusammenhängt und kein Teil isoliert betrachtet werden darf. Das macht den Klimawandel so kompliziert und schwer greifbar. Um ihn erfolgreich zu bekämpfen, braucht es mehr tropische Regenwälder, nicht weniger – denn sie sind cool fürs Klima!
„Warum braucht der Eisbär den Regenwald? Tropische Regenwälder im Klimafokus“, von Dr. Tom Deutschle – demnächst im Buchhandel.




