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Tropische Regenwälder im Klimafokus
Der Klimawandel beschleunigt das Artensterben
Der Klimawandel scheint nicht hauptverantwortlich für das Artensterben. Vielmehr scheint es eine Kombination aus mehreren wichtigen Faktoren zu sein, wie die Zerstörung und Übernutzung von geeigneten Lebensräumen und die Ausbreitung invasiver Arten, die durch den zukünftigen Klimawandel verursacht und verstärkt werden.
Wenn sich Arten nicht anpassen oder flüchten können, müssen sie mit den vom Klimawandel verursachten Bedingungen, wie Wassermangel und Hitzestress, klar kommen. Viele hochspezialisierte Arten in tropischen Regenwäldern sind diesbezüglich besonders vulnerabel, weil sie an enge Temperatur- und Luftfeuchtigkeitsbereiche angepasst sind. Störungen in der Zusammensetzung der Arten beeinflussen die ökologischen Wechselwirkungen und Nahrungsnetze.
Beispielsweise werden in tropischen Regenwäldern 94 Prozent der Pflanzen von Tieren bestäubt (Ollerton u. a. 2011). Ohne die tierischen Bestäuber könnten viele Pflanzen keine Samen bilden und sich nicht fortpflanzen. Ohne Pflanzen wiederum würde die Zahl der bestäubenden Tiere zurückgehen, weil Pollen, Nektar und andere Belohnungen für die Bestäuber wegfielen, was wiederum Auswirkungen auf andere Arten hätte usw. Einmal angestoßen, kann diese positive Rückkopplung dazu führen, dass die Individuenzahl und Verbreitung von Arten sukzessive zurückgehen, was mit einem erhöhten Aussterberisiko verbunden ist. Das Aussterberisiko ist definiert als eine Schätzung der Wahrscheinlichkeit, dass eine Art in Zukunft ohne Schutzmaßnahmen aussterben wird (Urban 2024).

Im Gegensatz zum Artensterben ist der Klimawandel reversibel. Aber der Klimawandel wird die Artenvielfalt nachhaltig verändern, jedoch bleibt die Vorhersage von Aussterberisiken ungewiss. Vorläufige Schätzungen gehen davon aus, dass in den nächsten etwa 50 Jahren 14 bis 32 Prozent der Arten klimabedingt aussterben könnten, darunter möglicherweise drei bis sechs Millionen Tier- und Pflanzenarten, selbst bei moderaten Klimawandelszenarien (Wiens und Zelinka 2024).
Wenn sich diese hohen Schätzwerte bewahrheiten, wird möglicherweise bald nicht mehr geschätzt werden, wie viele Arten es auf der Erde gibt, sondern wie viele es waren (Wiens 2023). Eine übergreifende Analyse der Daten aus 485 begutachteten Studien von 1425 Wissenschaftlern der vergangenen 30 Jahre prognostiziert, dass durch den Klimawandel global 7,6 Prozent aller Arten vom Aussterben bedroht sind (Urban 2024). Verschiedene Regionen der Erde sind unterschiedlich betroffen. In der Arktis sind 3,8 Prozent der Arten bedroht. Wird Südamerika regional betrachtet, sind mit 16,2 Prozent mehr als doppelt so viele Arten vom Aussterben bedroht wie im globalen Durchschnitt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die tropischen Regenwälder Amazoniens ein Hotspot der Artenvielfalt sind, in dem viele hochspezialisierte Arten nur kleinräumig verbreitet sind und deren Bestände durch Zerstörung ihres Lebensraums zurückgehen. Deswegen werden auch zahlreiche Arten verloren gegangen sein, die nie entdeckt oder beschrieben wurden. Dieses Phänomen wird als „Dark Extinction“ bezeichnet, angelehnt an den Begriff „Dark Taxa“ für unbekannte Arten (Boehm u. a. 2021). Von den Wirbeltieren hingegen sind die meisten Arten schon bekannt.
Statistik
Laut Statistik ist ein Wirbeltier dann am stärksten vom Aussterben bedroht, wenn es ein Amphib ist, Süßwasser-, Insel- oder Gebirgsökosysteme bewohnt, sich schlecht verbreiten kann, ein kleines Verbreitungsgebiet hat und in Südamerika, Australien oder Neuseeland lebt (Urban 2024).
In Panama sind klimabedingte Veränderungen für ein Viertel der Baumverluste in tropischen Regenwäldern verantwortlich (He u. a. 2026). Je nach Klimaszenario könnten bis Ende des Jahrhunderts voraussichtlich zwischen 9,4 Prozent (SSP1-2.6) und 27,8 Prozent (SSP5-5.8) aller tropischen Baumarten in Panama regional ausgestorben sein. Der Klimawandel scheint also nicht hauptverantwortlich für den Verlust der Artenvielfalt zu sein (Caro u. a. 2022). Vielmehr scheint es eine Kombination aus mehreren wichtigen Faktoren zu sein, wie die Zerstörung und Übernutzung von geeigneten Lebensräumen und die Ausbreitung invasiver Arten, die durch den zukünftigen Klimawandel verursacht und verstärkt werden (Wang u. a. 2026). Was den Klimawandel allerdings besonders tückisch macht, ist, dass er nicht an den Grenzen von Schutzgebieten und den darin geschützten Arten haltmacht (Parmesan 2006).
Der Klimawandel reagiert rasch auf veränderte Treibhausgas-Emissionen. Das Artensterben wiederum reagiert in sehr viel längeren und ungewissen Zeiträumen auf den Klimawandel. Dieses Zeitfenster zwischen Klimawandel und Artensterben könnte genutzt werden, den Klimawandel durch Umweltschutzmaßnahmen umzukehren und Arten Zeit für Anpassung an die geänderten Umweltbedingungen zu verschaffen (Urban 2024).

Referenzen
- Boehm, M. M. A. u. a.: Dark extinction: the problem of unknown historical extinctions. Biological Letters 17 (2021).
- Caro, T. u. a.: An inconvenient misconception: Climate change is not the principal driver of biodiversity loss. Conservation Letters 15 (2022).
- He, C. u. a.: Increasing Mortality of Rare Tree Species Amplifies Extinction Risk in Tropical Forests Under Climate Change. Global Ecology and Biogeography 35 (2026).
- Ollerton, J. u. a.: How many flowering plants are pollinated by animals? Oikos 120 (2011).
- Parmesan, C.: Ecological and Evolutionary Responses to Recent Climate Change. Annual Review of Ecology, Evolution, and Systematics 37 (2006).
- Urban, M. C.: Climate change extinctions. Science 386 (2024).
- Wang, J. u. a.: Climate-induced range shifts support local plant diversity but don’t reduce extinction risk. Science 392 (2026).
- Wiens, J. J.: How many species are there on Earth? Progress and problems. PLoS Biology 21 (2023).
- Wiens, J. J. und Zelinka, J.: How many species will Earth lose to climate change? Global Change Biology 30 (2024).