Faszination Regenwald

Bild Zerstörung

Soja – der Fleisch gewordene Wahnsinn

Die Sojabohne (lat.: Glycine max) ist eine einjährige strauchige Pflanze, die botanisch betrachtet zu den Schmetterlingsblütlern (Leguminosen) gehört. Die Bohnen entwickeln sich in etwa 100 Tagen. Ursprünglich kommt die Sojabohne aus China und bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts fand sie ihren Weg nach Nord- und Südamerika. Aber erst in den 1990er-Jahren begann der Siegeszug der Wunderbohne. Heute sind die größten Produzenten von Sojabohnen die USA, gefolgt von Brasilien und Argentinien (FAO, 2017).

Der Eiweißgehalt der Sojabohne beträgt 36 Prozent, mit ihr könnte die Eiweißversorgung des Menschen sichergestellt werden. 100 Gramm Sojabohnen, etwa ein kleines Glas, enthalten mit 36 Gramm knapp so viel Eiweiß wie ein 150-Gramm-Steak vom Rind (38 Gramm).

Bild: Sojabohnen
Bild: Vergleich 100 Gramm Sojabohnen mit 150-Gramm-Rindersteak

Sojabohnen (oben), 100 Gramm Sojabohnen enthalten soviel Eiweiß wie ein 150-Gramm-Rindersteak (unten).

Mit lediglich sechs Prozent dient ein kleiner Teil der weltweiten Sojaernte, hauptsächlich im asiatischen Raum, direkt dem menschlichen Verzehr in Form von Sojasprossen, Sojaöl, Tofu etc. (WWF, 2014). Der weitaus größere Teil wird als eiweißreiches Futtermittel an Rinder, Schweine und Geflügel in Massentierhaltungen verfüttert. Soja wird zunehmend in Aquakulturen für Zuchtlachs verwendet, und auch in Tierfutter für Haustiere ist es enthalten.

Sojaöl und Sojaschrot

Weil die ganzen Sojabohnen für die Masttiere unverdaulich sind, müssen sie vorher bearbeitet werden. In Hamburg gibt es Ölmühlen, die die per Schiff exportierten Sojabohnen weiterverarbeiten. In komplizierten Verfahren wird den Bohnen mittels Extraktion und/oder Pressung das Öl (etwa 20 Prozent oder mehr) entzogen. Übrig bleibt der Sojaschrot, der einen hohen Eiweiß- aber nur noch geringen Fettanteil aufweist.

Das bräunlich-gelbe Sojaöl kann als Pflanzenöl im Lebensmittelbereich verwendet werden, oder es wird zu Agrartreibstoffen („Biodiesel“) verarbeitet. Der eiweißhaltige Sojaschrot wird als Futtermittel in der Massentierhaltung verwendet.

Massentierhaltung

Unsere Viehbestände sind viel zu hoch, als dass sie noch von einheimisch angebauten Futtermitteln ernährt werden könnten. Ohne die Importe von Sojabohnen, die auf ehemaligen Tropenwaldflächen angebaut wurden, könnten unsere Massentierhaltungen heute nicht existieren.

Soja in der Massentierhaltung

Allein in Deutschland gibt es, Stand Mai 2019, etwa 11,8 Millionen Rinder, 25,9 Millionen Schweine, 1,6 Millionen Schafe und 41,4 Millionen Legehennen (Bundesamt für Statistik, 2019). Zusammen genommen sind sie schwerer als alle 82 Millionen Einwohner Deutschlands. In Österreich sind es, Stand Dezember 2018, etwa 1,9 Millionen Rinder und 2,8 Millionen Schweine. Und irgendwie müssen diese Nutztiere ernährt werden. Unsere heimischen Anbauflächen für Futtermittel sind dafür zu klein. Wo also kommen die Futtermittel her? Die Futtermittel müssen importiert werden und zwar hauptsächlich in Form von Soja. Deswegen ist Soja heute als Futtermittel in den Massentierhaltungen Europas, Nordamerikas und Chinas unverzichtbar geworden. Es wird vor allem an Schweine, Geflügel und auch Rinder verfüttert.

Vorschaubild: Sojaernte

Sojaernte in Brasilien: Großflächig werden in Brasilien Sojabohnen geerntet (© Veja).

Unsere Nutztiere fressen buchstäblich den Regenwald. Der ehemalige Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat es im Mai 2008 auf den Punkt gebracht: "Die Profiteure der Regenwaldabholzung sind weit mehr die deutschen Bauern als die brasilianischen Landwirte". Dieses Zitat könnte durchaus noch um die chinesischen Bauern ergänzt werden, denn der Fleischhunger Chinas ist enorm. Heute schon verbraucht China doppelt so viel Fleisch wie die USA – und der Verbrauch steigt.

Wo kommen die Sojabohnen her?

Die anspruchslosen Sojabohnen werden auf riesigen Flächen in Südamerika angebaut, die ehemals von einzigartigen tropischen Regenwäldern und Savannen (Cerrados) bedeckt waren. Im Jahr 2017 war Brasilien mit 115 Millionen Tonnen hinter den USA der zweitgrößte Produzent von Sojabohnen (FAOSTAT, 2019). Mit dem 1973 verhängten Soja-Exportverbot der USA stieg die Nachfrage nach den billigen brasilianischen Sojabohnen sprunghaft an. Hinzu kommt, dass sich brasilianische Sojabohnen leichter verkaufen lassen, weil der Anteil gentechnisch veränderter Sojabohnen noch relativ gering ist im Vergleich zu amerikanischen Sojabohnen. Interessant: Mit Ausnahme einer brasilianischen Firma ist die brasilianische Sojabohnen-Produktion fest in der Hand ausländischer Unternehmen.

Grafik: Die sieben größten Sojaproduzenten im Jahr 2017

Die sieben größten Sojaproduzenten im Jahr 2017: Die Grafik zeigt die jährliche Sojabohnen-Produktion (in Millionen Tonnen) der sieben größten Sojaproduzenten im Jahr 2017 (FAOSTAT, 29.11.2019).

Weil die weltweite Nachfrage nach Soja steigt, hat sich in Brasilien die Produktion von Sojabohnen in den 15 Jahren zwischen 2002 und 2017 von 43 Millionen Tonnen auf 115 Millionen Tonnen fast verdreifacht (FAOSTAT, 2019). Im selben Zeitraum wurden 180.000 Quadratkilometer Regenwald im brasilianischen Teil Amazoniens abgeholzt. Das meiste davon in den Soja-Bundesstaaten Mato Grosso, Para und Rondonia, nämlich 148.000 Quadratkilometer. Insgesamt wurden im Jahr 2017 in Brasilien Sojabohnen auf einer Fläche von 339.000 Quadratkilometern angebaut; dies entspricht annähernd der Fläche Deutschlands mit 357.000 Quadratkilometern.

Im Jahr 2017 hat Brasilien 81,8 Millionen Tonnen Sojaprodukte exportiert, davon waren 66,7 Millionen Tonnen Sojabohnen, 13,7 Millionen Tonnen Sojaschrot, 1,2 Millionen Tonnen Sojaöl und anderes. Die Hauptabnehmer der Sojabohnen waren China mit 52,6 Millionen Tonnen, gefolgt von den Niederlanden mit 3,8, Thailand mit 3,5 und Spanien mit 2,3 Millionen Tonnen. Nach Deutschland wurden lediglich 1,4 Millionen Tonnen exportiert (resourcetrade.earth, 2019).

Im Gegensatz zu Brasilien exportiert Argentinien weniger Sojabohnen als Sojaschrot. Im Jahr 2017 hat Argentinien 41,1 Millionen Tonnen Sojaprodukte exportiert, davon waren 28,3 Millionen Tonnen Sojaschrot, 7,7 Millionen Tonnen Sojabohnen, 5 Millionen Tonnen Sojaöl und anderes (resourcetrade.earth, 2019). Der Sojaschrot wurde hauptsächlich von Vietnam, Indonesien, Italien, Spanien und Polen importiert.

Grafik: Sojaproduktion in Brasilien von 1961 bis 2016

Jährliche Sojabohnen-Produktion in Brasilien zwischen 1961 und 2017: Die Grafik zeigt die jährliche Sojabohnen-Produktion (in Millionen Tonnen) in Brasilien von 1961 bis 2017. Die Auswertung erfolgte am 28.11.2019 mit Hilfe von FAOSTAT.

Das Milliardengeschäft mit Soja

Die Herstellung und Verarbeitung der gigantischen Soja-Mengen erfolgt fast überall auf der Welt effizient und homogen gemäß den Standards der industriellen Landwirtschaft (Agroindustrie), indem zum Beispiel stets dasselbe Saatgut, dieselben Unkrautvernichtungsmittel und dieselben Handelswege verwendet werden. Dahinter stecken im Wesentlichen fünf Agrokonzerne, die den Soja-Weltmarkt unter sich aufgeteilt haben:

  • Bunge Limited ist ein weltweit agierender Lebensmittelkonzern mit Hauptsitz in den USA, der unter anderem Soja exportiert, Ölsaaten verarbeitet und auch Agrartreibstoffe ("Biodiesel") herstellt;
  • Monsanto, die US-Firmentochter der Bayer AG, Deutschland, ist der größte Saatguthersteller der Welt, ist führend bei der Herstellung gentechnisch veränderter Pflanzen und stellt außerdem das Unkrautvernichtungsmittel "RoundUp" (Glyphosat) her;
  • Archer Daniels Midland (ADM) mit Hauptsitz in den USA ist einer der größten Verarbeiter von Sojaprodukten und unterhält dafür weltweit Ölmühlen, auch in Deutschland, zum Beispiel in Hamburg;
  • Cargill Incorporated ist ein Agrarkonzern mit Hauptsitz in den USA, der mit allem handelt, was Lebensmittel und deren Produktion betrifft; Cargill-Produkte landen praktisch bei jedem Einkauf im Supermarkt im Einkaufswagen;
  • Louis Dreyfus Company (LDC) ist ein Agrarkonzern mit Hauptsitz in den Niederlanden und einer der größten Konkurrenten von Cargilll.

Zusammen mit dem weltgrößten Verarbeiter von Palmöl, Wilmar International mit Hauptsitz in Singapur, kontrollieren diese fünf Agrokonzerne bis zu 90 Prozent des globalen Getreidehandels (Mighty Earth, 2018). Durch ihre Größe haben die Agrokonzerne eine enorme Macht im internationalen Handel. Außerdem spielen sie auch direkt eine Rolle bei der Zerstörung von Ökosystemen, indem sie beispielsweise Plantagenbesitzern und Farmern Finanzierung, Dünger, Infrastruktur und andere Anreize für die Entwaldung gewähren. Dadurch werden Abhängigkeiten geschaffen, die die Versorgungsbasis der Konzerne sichern.

Das brasilianische Soja-Moratorium

Im Juli 2006 unterzeichneten nichtstaatliche Organisationen (NGOs) und Soja-Großhändler in Brasilien die erste freiwillig getroffene Vereinbarung um den Handel mit Soja zu stoppen, das auf illegal gerodeten Regenwaldflächen angebaut wurde: das Soja-Moratorium. Es war das erste Moratorium dieser Art in den Tropen und sollte als Vorbild dienen für andere Agrarprodukte aus Brasilien, wie zum Beispiel Rindfleisch und Palmöl. Das Soja-Moratorium wurde im November 2014 verlängert und lief bis Mai 2016. Es wurde in der Zwischenzeit von der brasilianischen Regierung überwacht, wozu Überwachungsflüge und die Auswertung von Satellitenbildern eingesetzt werden.

Das Soja-Moratorium war ein Erfolg, denn seither wurde in Brasilien kaum zusätzlicher Regenwald abgeholzt um die Anbaufläche für Soja zu vergrößern. Nach dem Ende des Soja-Moratoriums im Mai 2016 sollte die brasilianische Regierung selbst die Regenwälder am Amazonas mittels effektiver Umweltgesetze ("Código Florestal") schützen. Umweltorganisationen und Wissenschaftler sind allerdings skeptisch und fordern, dass das Soja-Moratorium über diesen Termin hinaus verlängert wird. Denn das nachlassende Interesse der Öffentlichkeit und die steigende Nachfrage nach Soja erhöhen bereits wieder den Druck auf die tropischen Regenwälder am Amazonas. Und wie an den steigenden Abholzungsraten im Jahr 2019 unter der Regierung von Präsident Bolsonaro zu sehen ist, hatten sie recht.

Soziale Folgen

Brasilien ist eines der führenden Länder im Futtermittelexport, und noch immer leiden Menschen unter Mangelerscheinungen, die auf schlechte Ernährung zurückzuführen sind. Während viele Brasilianer zu wenig zu essen haben, exportiert das Land Millionen Tonnen Soja. So ist es häufig in den Ländern der Tropen: Die Regenwälder werden nicht gerodet um die eigene Bevölkerung zu ernähren, sondern für die Anlage riesiger Weideflächen für Rinder, sowie Plantagen für Soja und Palmöl. Der Flächenanteil, der für die Ernährung der eigenen Bevölkerung gerodet wird, fällt bei dieser Rechnung nicht ins Gewicht.

Der Handel mit Soja im brasilianischen Agrarsektor ist auf große Produzenten ausgerichtet, Kleinbauern wurden aus den Märkten gedrängt und können ihr Soja nicht gewinnbringend verkaufen. Einzelne Sojafarmen haben eine Fläche von bis zu 2.400 Quadratkilometern, das ist mehr als drei Mal die Fläche Hamburgs. Auf diesen Sojafarmen werden hauptsächlich Maschinen eingesetzt, wofür nur wenige Arbeitskräfte gebraucht werden. Ein Sojafarmer beschäftigt auf einem Hektar einer Sojafarm deswegen durchschnittlich nur 1,7 Arbeiter, während auf einem Hektar eines Familienbetriebs 30 Menschen Arbeit finden. Neben der wachsenden Arbeitslosigkeit durch Landkonflikte und Vertreibungen in den ohnehin armen Regionen verschärft sich dadurch auch die Versorgungslage mit Lebensmitteln.

Ökologische Folgen des Sojabooms

Die brasilianische Regierung spricht zwar von Umweltschutz, doch sie will auch um jeden Preis Devisen erwirtschaften, weil das Land hoch verschuldet ist. Deshalb werden neue Straßen in den Urwald getrieben oder ausgebaut. Die BR 163, der brasilianische Soja-Highway, zieht sich beispielsweise mehr als 1.700 Kilometer quer durch den brasilianischen Regenwald. Auf dieser Straße werden Sojabohnen aus dem Bundesstaat Mato Grosso, einem Hauptanbaugebiet für Soja, nach Santarem am Amazonas transportiert. Von dort transportieren Schiffe das Soja auf dem Amazonas zu den großen Verladestationen am Atlantik und von dort weiter in die ganze Welt, hauptsächlich nach China und Europa. Der Anbau von Soja führt zu schwerwiegenden Umweltproblemen:

  • Die artenreichen tropischen Regenwälder müssen Monokulturen weichen.
  • Brasilien ist heute einer der größten Abnehmer/Verbraucher von Unkrautvernichtungsmitteln weltweit.
  • Das in der Vegetation der intakten Regenwälder gebundene Kohlendioxid wird in großen Mengen freigesetzt und entweicht in die Atmosphäre. Die Sojapflanzen binden zwar auch Kohlendioxid aber nicht in der Menge, wie sie beim Verbrennen der Regenwälder freigesetzt wird. Die Kohlendioxid-Bilanz von Soja-Monokulturen (und allen anderen Arten von Monokulturen) ist also eindeutig negativ.
  • Für die Erzeugung von Soja und den anschließenden Transport in unsere heimischen Tierhaltungen müssen große Mengen Energie bereitgestellt werden.

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